Gedanken, Spekulationen und andere Aussagen 

Am 27. Dezember gab es auf der A61 bei Viersen einen tödlichen Unfall, bei dem ein betrunkener LKW-Fahrer in einen, auf dem Standstreifen mit Blaulicht stehenden Polizeiwagen aufgefahren ist. Dabei wurde eine junge Polizistin getötet, eine weiter liegt immernoch schwer verletzt im Krankenhaus. Der Kollege der beiden wurde ebenfalls verletzt.

Der LKW-Fahrer aus der Ukraine hatte, laut Polizeibericht, über 2 Promille im Blut.

Ich denke, an niemandem ist dieser Unfall spurlos vorbei gegangen. Da ich selbst Freunde und Bekannte im Polizeidienst habe, erschüttert mich es um so mehr.

Natürlich wird jetzt von allen Seiten diskutiert, warum es zu diesem Unfall kam. Es werden Personen, Umstände und Situationen angeprangert und verteufelt, obwohl (noch) nicht klar ist, was alles zu der Katastrophe geführt hat.

In erster Linie ist klar, der ukrainische LKW-Fahrer hat getrunken und ist in dem Zustand LKW gefahren. Das allein war der Grundauslöser. Aber warum hat er getrunken? Kannte/kennt jemand diesen Fahrer? War jemand dabei? Weiss jemand, warum er getrunken hat? Also woher nimmt man sich dann das anmaßende Verhalten und beurteilt aus der Ferne? Warum also diese Verallgemeinerungen?

Jetzt werden Stimmen laut, die sagen, die „Sauferei“ läge daran, dass die Fahrer aus den MOE-Staaten monatelang unterwegs seien, daher vereinsamen und deswegen dem Alkohol zusprechen. Aber kann man es sich so einfach machen? Vor allem: sollte man hier in der Form derart verallgemeinern? Es gibt hunderte von Ursachen für Alkoholmissbrauch. Von Spass am trinken, über die Mentalität bis hin zur Krankheit und dem Geisteszustand. Nicht immer ist der Grund offensichtlich!

Natürlich, wer die letzten Wochen und Monate die Nachrichten verfolgt hat, wird festgestellt haben, dass es derartige Unfälle, wenn auch nicht immer mit solchen katastrophalen Folgen wie auf der A61, schon mehrfach gegeben hat. Auch waren dort, wenn man den Berichten Glauben schenkt, MOE-Fahrer unter Alkoholeinfluss beteiligt. Doch gibt genau das uns das Recht zu behaupten, es seien (fast) alle MOE-Fahrer so? Und vor allem wurde stellenweise behauptet, solche Alkoholexzesse gäbe es ausschließlich bei MOE-Fahrern. Stimmen, die sich gegen diese Art der Behauptungen wehrten, wurden mit dem Satz abgetan: „Soll man Alkoholmissbrauch totschweigen?“ Nein, soll man nicht! Man sollte nur alle Nationen mit in die Alkoholdebatte einbeziehen, nicht nur die MOE! Denn nur MOE-Fahrer zu bezichtigen und dies auch so zu propagieren, grenzt in meinen Augen sehr an Hetze. Darüber sollte man sich mal Gedanken machen.

Klar, die soziale Verkümmerung, wenn man so lange von daheim getrennt ist, ist nicht von der Hand zu weisen. Jeder Mensch geht damit anders um. Und scheinbar ist für einige traurigerweise der Alkohol die „Lösung“. Und diese Lösung ist nicht an Nationalitäten gebunden!

Doch wehre ich mich vehement gegen Verallgemeinerungen, ja sogar gegen die mitunter auftretende Hetze gegen MOE-Fahrer, die seit dem Unfall auf der A61 im www losgetreten wurde.

Ein Beispiel: es wurde ein Video bei FB geteilt, auf dem ein Mann (Nationalität unbekannt!) neben einem Sattelzug tanzt und offensichtlich Spass hat. Sofort wurde angenommen, dass der Mann entweder betrunken oder high sei. Auf die Idee, dass er vielleicht „seine dullen 5 Minuten“ hatte, kam der Poster nicht.

Im Gegenteil: es wurde ein Mensch anhand eines Videos, welches zum einen die Persönlichkeitsrechte des Mannes verletzte und dessen Ursprung noch nicht mal bekannte war, verurteilt und dem Alkohol und/oder Drogen zugetan angedichtet.

Es wurden Stimmen laut, die den gleichen Wortlaut hatte: „Alkohol, definitiv. „Oder Drogen!“

Ja, wirklich? Woher dieses Wissen? War man dabei? Hat man womöglich das Video gedreht? Nein! Also woher diese Behauptungen? Eine solche Behauptung ist niveaulos und frech, sogar anmaßend.

Dann wurden Stimmen im Verlauf laut, die besagten, dass es zig Möglichkeiten gäbe, warum der Mann tanzen würde. „Vielleicht hat er eine gute Nachricht bekommen!“, „Ist vielleicht Vater geworden!“, „Hat einfach Lust zu tanzen!“. Ich setze noch eins drauf: vielleicht ist er ein lustiges Kerlchen und macht, wie jeder von uns mal, solche Faxen! Oder er hat ne Wette verloren. Oder oder oder!

Aber dass erwachsene Menschen, darunter Personen, die ich persönlich für neutral, sehr intelligent und vor allem vor denen ich (mal) den größten Respekt hatte und auf die ich große Stücke gehalten habe, sich an einer solchen Hetze gegen diesen Mann beteiligten, das erschreckt mich persönlich doch sehr! Mit welcher Vehemenz sich diese Personen das Recht heraus nahmen, diesen Mann zu verurteilen und zu beurteilen, war vermessen und niederes Niveau. Und das alles nur anhand eines Videos! Die für mich persönlich schlimmste Aussage zu diesem Video war sinngemäß: „Wenn der so fährt, wie er tanzt, dann gute Nacht!“ Was bitte ist das für eine Aussage? Getroffen anhand eines Videos, ohne Hintergrundwissen und Kenntnis und ohne diesen Mann zu kennen!

Eine solche Aussage macht mich nicht nur wütend, sondern lässt die Persönlichkeit dieser Person in meinen Augen tiefer sinken, als der Mariannen-Graben tief ist. Ein absolutes NoGo, einen Menschen anhand von Äusserlichen derart zu verurteilen!

Wie steht das nun im Zusammenhang zu dem Unfall auf der A61? Im direkten Zusammenhang nicht, aber dieses Beispiel zeigt mir persönlich deutlich, wie schnell man verurteilt und daraus resultierend, verallgemeinert. Und genau dagegen wehre ich mich mit aller Gewalt!

Der Fahrer, der den tödlichen Unfall verursacht hat, ist definitiv Schuld, dass eine junge Polizistin ihr Leben verlor. Das ist weder zu entschuldigen noch wegzudiskutieren! Dennoch weiss niemand um die Hintergründe seines Alkoholkonsums. Dass er mit Alkohol im Blut LKW gefahren ist, ist selbstverständlich nicht zu entschuldigen, was ich auch definitiv nicht werde, aber Verallgemeinerungen und Mutmaßungen bringen niemandem weiter in dem Erstreben, den exzessiven Alkoholkonsum unter Fahrern, egal welcher Nation, und somit auch die Unfälle zu verhindern. Denn betrunkene Fahrer gibt es in jedem Land, nicht nur im Ausland.

Nun, da man scheinbar mit dem Fahrer „abgeschlossen“ hat, wurden Stimmen laut, dass sich die Polizisten in dem Streifenwagen eventuell falsch Verhalten hätten. Darüber zu urteilen steht mir persönlich 1. gar nicht zu und 2. ist eine solche Schuldzuweisungen vermessen.

Denn wer von denen, die hier Schuldzuweisungen machen, kennen die Dienstanweisung, den Einsatzbefehl oder aber die ganze Situation bei der Dienststelle, als der Anruf bezüglich eines Schlangenlinien fahrenden LKW kam? Kennen diese Personen den Einsatzbericht?

Natürlich lernt jeder in der Fahrschule, dass man auf dem Seitenstreifen bei einer Panne nicht im FZ bleibt. Aber wer rechnet denn damit, dass ein LKW-Fahrer absichtlich, wie Berichte besagen, diesen Streifenwagen rammt?

Warum die Polizisten dort gestanden haben, müssen Unfallforscher, Polizei und Staatsanwaltschaft klären. Aber nicht irgendwelche Personen, die zum einen von der Arbeit der Polizei keine Ahnung haben und zum anderen, die bei der Kette der Ereignisse nicht zugegen waren.

Faszinierend bei der Duskussion über (Teil)Schuld und/oder Fehler seitens der Polizei finde ich, dass Laien und Hobby-Forscher teilweise mehr zu wissen glauben, als Beteiligte bzw Experten.

Selbst sogenannte Experten wollen aus der Ferne, nur anhand von den Berichten im TV und den Printmedien, erkennen, was die Polizisten in dem Streifenwagen dort falsch gemacht haben bzw was in der Kette der Ereignisse bei der Polizei falsch gelaufen ist. Ein solches Verhalten seitens dieser „Experten“ ist, mit Verlaub, eine bodenlose Frechheit! Selbst Unfallforscher, die solche und noch schlimmere Unfälle aufklären wollen, stoßen mitunter an die Grenzen ihres Könnens. Nicht selten werden Unfälle nicht ganz aufgeklärt. Ein Rest Ungereimtheit bleibt leider schonmal.

Ich persönlich finde es traurig, dass man sich als Aussenstehender jetzt daran macht, zu beurteilen, was wann wer wo und wie falsch gemacht hat. Klar, man möchte wissen, wie es dazu kommen konnte, das ist völlig normal. Aber man sollte die Polizei, die Staatsanwaltschaft und die Unfallforscher jetzt ihre Arbeit machen lassen und nicht irgendwelche Mutmaßungen anstellen, zu denen man kein Recht hat. Natürlich, diskutieren kann man, das lässt sich nicht verhindern, aber man sollte doch seinem minimal vorhandenen Wissen bezüglich dieses Unfalls und dessen Umstände entsprechend argumentieren und nicht irgendwelche wilden Spekulationen in den Raum werfen.

Denn eines sollte keiner von uns vergessen: die Angehörigen haben das Recht auf respektvollen Umgang mit dem Tod der jungen Polizistin und vor allem den Anstand verdient, diese Seele in Ruhe zu lassen!

Auf allen Beteiligten an der Untersuchung dieses Unfalls lastet ein enormer Druck, seitens der Angehörigen, der Kollegen, der Presse, der Öffentlichkeit. Jeder möchte wissen, wie es dazu kam, dass eine junge Frau sterben musste. Deswegen sollten alle Spekulanten, Mutaßer und im Vorfeld Verurteiler den Anstand besitzen, diese Aufklärung nicht noch durch irgendwelche Fragen und Anfragen bei der Polizei oder anderen Institutionen zu behindern. Denn eines sollte man im Hinterkopf behalten: Ermittlungen und das Vorgehen der Beteiligten gehen schlichtweg niemanden etwas an! Das Ergebnis, wenn es denn zu einem solchen kommt, ist maßgeblich. Nicht der Weg dort hin. Zumal es dann zu Problemen und dergleichen kommen würde.

Daher mein Apell an alle:

Lasst die Verantwortlichen ihre Arbeit machen, den Unfall aufzuklären.

Habt den Respekt und den Anstand, die Angehörigen trauern zu lassen.

Konzentriert euch darauf, den Alkoholkonsum bei den Fahrern zu minimieren, vielleicht sogar zu verhindern.

Lasst euch nicht zu Mutmaßungen und Spekulationen hinreißen.

Klärt auf, geht auf Betroffene zu, redet mit ihnen.

Stellt Aktionen für Fahrer auf die Beine bezüglich Alkohol am Steuer. Aufklärung statt wegsehen!

Sprecht Fahrer an, wo ihr seht, dass sie Alkohol zu sich nehmen. Hört sich ihre Sorgen an, wenn es möglich ist.

Und bitte:

Hört auf, Verallgemeinerungen zu treffen, wilde Aussagen zu treffen und irgendwelche Behauptungen aufzustellen, die jeglicher Grundlage entbehren.

Und zu guter Letzt:
Meine aufrichtige Anteilnahme gilt den Angehörigen, Freunden, Bekannten und Kollegen der jungen Polizistin! Es tut mir persönlich von Herzen leid, dass eine junge Frau durch einen meiner Berufskollegen zu Tode gekommen ist. Und ich distanziere mich mit aller Deutlichkeit von jedem Fahrer, der sich unter Alkoholeinfluss hinter das Steuer eines LKW setzt und somit billigend in Kauf nimmt, jemanden zu töten!
Und ich wünsche mir, dass jeder Kollege, egal welcher Herkunft, sich darüber Gedanken macht, wie er sich in seinem Job verhält und dazu beiträgt, dass es weniger bis keine Tote und/oder Verletzte im Strassenverkehr gibt!

 

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